Schriften und Predigten- Für Seele und Geist

Hier möchten wir Ihnen nach und nach Texte aus der Verkündigung in unserer Gemeinde, Predigten und meditative Texte, Material aus Vorträgen und Medienbeiträgen anbieten:

Als Impulse für Geist und Seele, als Anstöße, die uns Gottes Zuspruch und seinen Anspruch buchstabieren und weitergeben möchten.

Predigt zum Reformationsfest, 31.10.2018

Stadtkirche Schwenningen, Villingen-Schwenningen

 

 

Es gibt sicherlich Texte in der hl. Schrift, die ihnen besonders vertraut sind, und vielleicht zählt der heutige Predigttext auch dazu. Mir geht es jedenfalls so, Der zur Freiheit berufene Christ, das hat sich eingeprägt. Aber wie das so ist mit vertrauten und lieb gewonnenen Texten, man vereinnahmt sie schnell. Dann fällt es einem schwer, einem solchen Text auf den Grund zu gehen. Ihn ohne die persönliche Sympathie oder Antipathie einfach einmal nüchtern gegen den Strich zu lesen.

 

Doch wenn wir genau das versuchen, wenn wir die heutige Perikope auf uns einwirken lassen, fallen einem doch die ungewöhnlich deutlichen Worte auf, die Paulus da verwendet. Dem so ansprechenden ersten Vers, „Zur Freiheit hat uns Christus befreit.“ folgt bald der weitaus sperrigere Satz: „Wenn Ihr also durch das Gesetz gerecht werden wollt, dann habt ihr mit Christus nichts mehr zu tun.“ Der historische Hintergrund der Worte ist bekannt; Unter den Christen in Galatien, vermutlich eine Region in Zentralkleinasien, waren judenchristliche Missionare aufgetaucht, die eine strenge Einhaltung jüdischer Gesetze als Voraussetzung der Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinde einforderten, und zwar von allen, die Christen sein wollten.

 

Konkret gegen diese Vorbedingung wandte sich der Jude Paulus und führte als Beleg seine eigene Lebensgeschichte, seine befreiende Bekehrungserfahrung an. Aber waren diese starken Worte notwendig? Paulus selbst hat nie seine jüdische Biographie verleugnet. Er selbst wies auf seine Gesetzestreue bei vielen Gelegenheiten hin, weshalb also jetzt diese schroffe Haltung? Die Wortwahl scheint ziemlich überzogen. Um sie zu verstehen, lohnt es sich, die Haltung Jesu zum Gesetz der Juden näher anzuschauen.

 

Und hier zeigen die Evangelien ein sehr differenziertes Bild. Denn so sehr sich der fromme Jude Jesus im Vollzug des jüdischen Gesetzes sieht, so konsequent geht es ihm darum, die Forderungen dieses umfangreichen Regelwerkes zu durchleuchten. Jesus legt sich ja regelmäßig mit den Gesetzeslehrern an, aber nicht, wie er immer wieder deutlich macht, in dem er gegen die Gebote argumentiert, sondern indem er sie auf ihren eigentlichen Ursprung zurückführt. Als Schriftgelehrte und Pharisäer eine beim Ehebruch ertappte Frau vor Jesus zerren und sie den „Gutmenschen“ Jesus mit der vom jüdischen Gesetz geforderten Steinigung als Strafe konfrontieren, argumentiert er nicht gegen diese Vorschrift.

 

Jesus setzt auf Eigenverantwortung. Er macht deutlich, dass das Gesetz dem Einzelnen nicht etwa die eigene Verantwortung abnimmt, sondern im Gegenteil ihn erst zu einem freien Menschen macht, der seine Verantwortung wahrnehmen muss. Das gilt sowohl für die selbst ernannten Richter, es gilt aber auch für die Frau, die Jesus ausdrücklich auch auf ihre Verantwortung hinweist: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr“. Jesus eröffnet also einen völlig anderen Blickwinkel auf das Gesetz.

 

An einem Sabbat ist Jesus mit seinen Jüngern unterwegs, Und als diese an einem Kornfeld Ähren abreißen, was von den Pharisäern wegen des Verstoßes gegen das Sabbatgebotes kritisiert wird, folgt jener in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangene Satz Jesu: Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.

Das Gesetz, die Regeln sowohl für den Juden wie für uns, sind also kein Selbstzweck, sie haben eine Aufgabe und sollen ganz konkret dem Menschen helfen. Der Sabbat ist für den Menschen da. Die zehn Gebote sind ein Angebot Gottes an den Menschen, welches ihm helfen kann, seine Beziehungen untereinander zu regeln. Ihr Vollzug entspringt der Erfahrung der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei. Und genau darum geht es auch Paulus. Das Gesetz und die Befreiung des Menschen bilden gar keinen Gegensatz. Der Gegensatz besteht vielmehr in der dem Gesetz von einigen zugesprochenen Funktion als Kontrollinstanz oder als Machtinstrument. Der vierte Vers unseres Predigttextes bringt es auf den Punkt, sehr deutlich heißt es da: „Wenn Ihr also durch das Gesetz gerecht werden wollt, dann habt ihr mit Christus nichts mehr zu tun; ihr seid aus dem Gesetz herausgefallen.“, oder noch plastischer in einer anderen Übersetzung: „Wer aber durch die Erfüllung des Gesetzes vor Gott bestehen will, der hat sich von Christus losgesagt und Gottes Erbarmen verspielt.“ Wer glaubt, durch die Leistungserbringung bei der Gesetzeserfüllung die Gnade Gottes erkaufen zu können ist auf dem Holzweg. Paulus ging es in seinem Brandbrief an die Galater um eine Prioritätensetzung. Es ging ihm darum, deutlich zu machen, dass die Christen keiner „Fremdherrschaft“ mehr unterstehen. Die Befreiung besteht darin, dass Gott das Gesetz in die Hände des Menschen legt. Das ist eigentlich sehr revolutionär. Ja im Grunde ist damit, modern gesprochen sogar unser heutiges Verständnis des Rechtsstaates bereits enthalten. Und genau hier fängt es an für uns heute interessant zu werden.

 

Ist denn die verheißene Freiheit heute noch unser Thema? Wollen wir uns heute überhaupt noch frei entscheiden aus dieser Freiheit heraus Regeln für unser Zusammenleben aufstellen und uns daran bewusst und aktiv halten? So sympathisch fürs Erste die Berufung zur Freiheit zu sein scheint, wollen wir das überhaupt noch? Ist uns die Berufung zur Freiheit überhaupt noch wichtig?

 

Ging es dem Reformator Martin Luther vor 500 Jahren noch um die Frage, wie und mit welchen Leistungen er einen gerechten Gott bekomme, war ihm die Entdeckung der Freiheit eines Christenmenschen tatsächlich noch etwas wert, scheint mir heute genau dieser Wert für viele unter uns deutlich an Wert verloren zu haben.

 

Vor zwanzig Jahren erregte ein amerikanischer Spielfilm auch bei uns große Aufmerksamkeit: „Die Truman Show“ Die Hauptfigur, eben jener Truman, lebet ohne dass er dies zunächst weis in einer Scheinwelt. Frühzeitig adoptiert wird er seither innerhalb einer riesigen Kulissenlandschaft und einer Hundertschaft von Schauspielern von zig Kameras beobachtet, die seine täglichen Leben permanent in eine 24 Stunden Live Soap Opera filmen. Sein Leben ist in einem Drehbuch festgehalten, welches ihn scheinbar selbstverständlich dazu bringt, seinen Lebensraum, die Kunststadt Seehafen nicht zu verlassen. Erst als eines Tages versehentlich ein Scheinwerfer aus den Kulissen vor seine Füße fällt, beginnt er Verdacht zu schöpfen. Er erkennt schließlich die Vorherbestimmung um ihn herum und flieht. In der Schlussszene des Films scheitert ein letzter Versuch des Produzenten, ihn zum Bleiben zu bewegen, indem er ihm Angst vor der Welt da draußen zu machen versucht. Truman verlässt die Show durch eine Tür in einem riesigen künstlichen Horizont und gewinnt unter den Augen von Millionen von Zuschauern seine Freiheit.

Der Spielfilm hat bei seinem Erscheinen viele Menschen bewegt, denn diese Big Brother Geschichte flößte nicht wenigen Menschen Angst ein. Auch wenn die ganze Story sehr hollywoodmäßig aufgezogen ist. Der Kern war für jeden nachvollziehbar: Lassen wir uns manipulieren, werden wir manipuliert, oder können und wollen wir frei entscheiden.

 

Wie sieht das aber heute aus? Geben wir nicht an vielen Stellen unsere freie Entscheidungskompetenz ab und ordnen uns einem angenehmen, sicheren System, den Vorgaben des Mainstreams unter? Wollen wir eigentlich noch eigene Entscheidungen reflektieren und zu treffen? Das gilt in unserem Alltag ebenso wie in unserem politischen Verhalten. Unsere heutigen Gesetze und Regeln sind im Gegensatz zum jüdischen Gesetz zu Zeiten des Paulus keine Instrumente mit denen Eliten wie Pharisäer oder Schriftgelehrte ihre Herrschaft zu sichern versuchen. Sie sind in einem demokratischen Willensbildungsprozess entstanden und widersprechen deshalb eben nicht unserer christlichen Berufung zur Freiheit. Es sind Instrumente, die uns helfen sollen, unser Zusammenleben zu verbessern und die jederzeit geändert und der jeweils aktuellen Situation angepasst werden. Gerade wir Christen stehen hier in der Verantwortung, in diesem Prozess unseren Beitrag immer wieder zu leisten. Das ist auch Ausdruck unserer von Freiheit vor Gott.

 

Um uns herum erleben wir aber, dass es attraktiv zu sein scheint, die eigene Freiheit zu Gunsten anderer Aspekte aufzugeben. Nicht nur in Europa werden allerorts Parteien und Politiker gewählt, die ganz offensichtlich die Freiheit des Einzelnen in Frage stellen, für die ganz offensichtlich jene Forderung von der Gleichheit und der Brüderlichkeit bzw. der Solidarität der Aufklärung und der französischen Revolution nicht mehr gelten und die damit wie schon jene falschen Propheten zu Zeiten des Paulus auch die Freiheit des Einzelnen relativieren, damit aber im Grunde wertlos machen. Sie schränken Freiheitsrechte ein, ermöglichen die Aushöhlung rechtsstaatlicher Strukturen, Fördern den Nepotismus, und ermöglichen den Verlust der Wahrheit zugunsten von fake News und dies auf allen Ebenen der Politik.

 

Dabei will ich durchaus zugestehen, dass viele Menschen in einer immer komplexeren und unübersichtlicheren Welt durchaus manche Übersicht verlieren, dass sich oft diffuse Ängste einschleichen und mitunter die Realität einfach zu kurz zu kommt, aber das macht es ja keinesfalls besser.

 

Und hier komme ich gerne wieder zurück auf unsere Ausgangsüberlegungen.
Vielleicht empfinden sie und ich die Worte des Apostels Paulus tatsächlich als jene Ermutigung, die sie tatsächlich sind. Aber gerade deshalb ist es so wichtig darauf hinzuweisen, dass diese Botschaft auch uns gilt. Es ist nicht mehr das jüdische Gesetz, das uns jemand versucht, aufzudrängen. Es sind Heilsversprechen die uns permanent gemacht werden, und auf die wir nur zu gerne positiv reagieren. Wenn wir den zweiten Vers des heutigen Textes einmal nicht so unmittelbar, sondern ausnahmsweise im übertragenen Sinn verstehen sollten, zeigt sich, wie viele Kraft hier darin steckt: „Wenn ihr euch beschneiden lasst, wird Christus euch nichts nützen.

 

Dr. Rupert Kubon

Predigt von Pfarrerin Brigitte Güntter

am 3. Juni 2018

1. Sonntag nach Trinitatis

 

 

Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext führt uns zweieinhalb Jahrtausende zurück in die Zeit des Propheten Jeremia.

Jeremia, 627 v.Chr. zum Propheten berufen, hat sein Volk über vier Jahrzehnte auf dem Weg begleitet, der mit der Katastrophe der Zerstörung Jerusalems und der Entmachtung der Davids-Dynastie enden sollte.

Jeremia hat den Untergang anzukündigen und die Gottvergessenheit seines Volkes zu benennen. Und er muss miterleben wie selbsternannte Prophetenkollegen „Fakenews“ verbreiten und bei der Regierung offene Ohren finden, während man ihm die Tür vor der Nase zuschlägt.

Jeremia ist erbittert und er ruft seinem Schreiber. „Schreib!“, sagt er und diktiert:

 

16 So spricht der HERR Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch, sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des HERRN.

17 Sie sagen denen, die des HERRN Wort verachten: Es wird euch wohlgehen –, und allen, die im Starrsinn ihres Herzens wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen.

18 Aber wer hat im Rat des HERRN gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört?

19 Siehe, es wird ein Wetter des HERRN kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen.

20 Und des HERRN Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen.

21 Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie.

22 Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.

23 Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der HERR, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?

24 Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe?, spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?, spricht der HERR.

25 Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt.

26 Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen

27 und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, so wie ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal?

28 Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen?, spricht der HERR.

29 Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der HERR, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?

Jeremia 23,16-19

Warum ist dieser Abschnitt aus dem Jeremiabuch wohl Predigttext geworden?

 

Vielleicht, damit wir uns daran erinnern, dass die Kirche - und mit DER Kirche auch UNSERE Kirche – immer wieder die Komfortzone des normalen Gemeindealltags verlassen muss weil sie auch ein prophetisches Amt hat.

Sie soll sich um die Seelen ihrer Mitglieder kümmern, sie muss sich aber auch zu Wort melden, wenn in der Gesellschaft etwas vor sich geht, was Gott so nicht wollen kann. Die Kirche glaubt, dass das Evangelium nicht nur ihren einzelnen Mitgliedern etwas zu sagen hat, sondern der gesamten Gesellschaft. Das nennt man „Prophetisches Wächteramt“: Sie darf nicht schweigen, wenn sie in Politik und Gesellschaft Tendenzen wahrnimmt, die sich an Gottes Geboten gemessen nur als Fehlentwicklungen brandmarken lassen.

Die Kirchen institutionalisieren sogar die politische Einmischung: Die Landeskirchen haben Länderbeauftragte, die den Kontakt zu den Landesregierungen halten und die EKD hat den Bevollmächtigten des Rates der EKD in Berlin und Brüssel.

 

 

Die Kirche erhebt also ihre kritische Stimme, aber sie wird eben deshalb auch umgekehrt kritisiert.

Die einen sagen: „Die Kirche soll sich nicht einmischen sondern bei ihrer Sache bleiben, das Evangelium verkündigen und basta! Oft ist dieser Einwand seinerseits politisch motiviert, kommt von einer Seite, der die Kirche immer schon zu links und zu grün ist.

Andere sagen: „Die Kirche will sich ja nur wichtig machen vor lauter Angst, immer mehr übersehen und überhört zu werden. Vor lauter Angst plustert sich die Kirche auf und politisiert das Evangelium!“

Und wieder anders sagen: „Die Kirche ist ja viel zu zahm! Sie sitzt den Mächtigen auf dem Schoß, sie sagt nur, was die hören wollen und wagt gar nicht zu tun , was ihr Auftrag ist, nämlich sich für die einzusetzen, die keine Stimme haben und dem Recht und der Gerechtigkeit zum Durchbruch zu verhelfen!“

 

Solche Kirchenkritik ist ganz nah bei Jeremia, der beklagt, dass die falschen Propheten nichts Besseres zu sagen wissen als „alles ist o.k., ihr werdet Frieden haben, don’t worry, macht euch nicht verrückt.“

Dagegen setzt Jeremia ein ganz anderes Reden, ein unbequemes Reden im Auftrag Gottes!

Die Beauftragung durch Gott ist ihm wichtig, sie ist alles entscheidend, er wiederholt die Anfrage Gottes:

„Wer hat denn in der Versammlung des HERRN gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat auf sein Wort geachtet und hat es gehört?“

Also: Woher nehmen wir unsere Botschaften?

Jeremia hat Gottes Wort, beneidenswert direkt und unmittelbar. Seine Kritik bezeichnet er als „Spruch des Herrn“, was er redet, redet eigentlich gar nicht er selbst, sondern Gott.

 

Im Jeremiabuch stellt sich ein Gott vor, der mit seiner direkten Einmischung Politik und Kirche gleichermaßen die Illusionen raubt: Weder will er einspringen, wenn die Politik nicht weiter weiß, noch mag er der Kirche helfen, ihren Bedeutungsverlust zu kaschieren. Auf so abrufbare Nähe, aus egoistischen Gründen begehrt, will Gott sich nicht einlassen!

Jeremia gibt die Anfrage Gottes weiter:

„Bin ich denn ein Gott der Nähe, Spruch des HERRN, und nicht auch ein Gott der Ferne?“

Also: Gott steht nicht zu Diensten, ist nicht einfach Gott zum Mitmachen und Absegnen. Gott lässt sich nicht einfach für politische Ziele einspannen, weder zur höheren Legitimierung von Regierungspolitik, noch zur höheren Legitimierung von Opposition und Protest.

 

Und trotzdem soll die Kirche wach bleiben! „Gibt es von Gott her etwas zu sagen?“ muss sie sich immer fragen, genau wie der Prophet, denn die andere Anfrage Gottes gilt genau so, die Anfrage an die, die meinen, ein ferner Gott wäre blind für die Untaten, die geschehen.

Denen lässt Gott durch Jeremia ausrichten:

„Kann einer in Verstecken sich verstecken und ich würde ihn nicht sehen?... der aber mein Wort hat, soll treu mein Wort sagen. Was har das Stroh mit dem Getreide gemein? Spruch des HERRN. Ist mein Wort nicht so: Wie Feuer, Spruch des HERRN, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert?“

 

Falsch wäre es also, wenn sich die Kirche einfach Gottes bedienen wollte, um ihrer „Privatansichten“ willen.

Stattdessen soll sie aber damit rechnen, dass sie mit einer Gottesbotschaft beauftragt wird.

Und wenn man sich um ein solches Wort zu kümmern hat, das ahnen wir, dann wird einem manches Mal Hören und Sehen vergehen. Das haben die, die im Dritten Reich auf dieser Kanzel gepredigt haben, deutlich erfahren.

Jeremia ist selbst ins Schleudern geraten: Er hasste seinen Beruf und seiner Berufung misstraut er von Anfang an. Aber Gott sagt zu ihm: „was ich dir gebiete wirst du sagen…ich lege meine Worte in deinen Mund, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.“

 

Und was heißt das alles nun für uns hier?

Wo müssten wir in der Tradition Jeremias unsere Stimme erheben?

 

Ich will versuchen, das einmal im Blick auf zwei aktuelle Regierungsmaßnahmen zu durchdenken:

1.       Sie wissen, dass der bayrische Ministerpräsident Söder in allen öffentlichen Gebäuden Kreuze aufhängen lassen will. Das hat er angeordnet weil das Kreuz  in erster Linie ein „sichtbares Bekenntnis zu den Grundwerten der Recht- und Gesellschaftsordnung in Bayern und Deutschland“ sei.
„Einlull“- und Beschwichtigungspropheten könnten nun sagen: „Prima. Schon der ferne Kaiser Konstantin träumte vom Kreuz und vom Sieg in seinem Zeichen! Alles gut so weit!“
Aber in der Tradition von Jeremia müsste man wohl sagen: Nichts ist gut, nur weil ein Kreuz aufgehängt ist.
Ist das Kreuz nicht die Erinnerung an einen schrecklichen Justizmord, an ein manipuliertes Urteil, an das Kalkül der Mächtigen in Politik und Religion, das über Leichen zu gehen bereit ist?
Beladen mit dieser Erinnerung ist ein Kreuz eigentlich ein kritischer Appell: „Ihr Mächtigen, lasst euch ja nie wieder von eigenen Interessen korrumpieren!“
Fruchtbar wird das Aufhängen das Kreuzes erst, wenn dieser Appell gehört wird!
Und: Fruchtbar wird das Aufhänge das Kreuzes erst, wenn es täglich zum Ansporn wird, nicht hinter der leidenschaftliche Solidarität Jesu zurück zu stehen, die ihn einst an dieses Kreuz brachte!
Sein Bedürfnis, denen nahe zu sein, denen Unrecht geschieht, die verraten und verkauft werden, die verlassen und verstoßen werden, seine Entschlossenheit, auch der Finsternis und dem Tod nicht auszuweichen beim Bemühen; Hirte zu sein, hat Jesus ans Kreuz geführt.
Wollten wir uns diese weitreichende Solidarität und diese Entschlossenheit auch zu eigen machen, dann, erst dann eigentlich, dürften wir uns ein Kreuz aufhängen.
Oder andersherum: Wer sich ein Kreuz umhängt, als Kompass fürs eigene Handeln, der muss sehr strikt und sehr umfassend in der Spur Jesu gehen. Dessen Liebe und Bereitschaft zur Barmherzigkeit, dessen Hunger und Durst nach Gerechtigkeit und nach dem Himmelreich muss wachsen dürfen, jeden Tag wachsen.
Und die Sorge ums Eigene und die Bequemlichkeit muss schrumpfen, jeden Tag schrumpfen.
In Jeremias Tradition müsste man sagen:
„Glaubt nicht, dass Gott sich an der Nase herumführen ließe! Ein Kreuz aufhängen ist eine Riesen-Aufgabe, ein Kreuz tragen ist schwer!“
Und in Jeremias Tradition seufze ich, wenn ich an das Kreuz denke, dass ich seit Jahren umhängen habe und doch weiß, dass ich täglich dahinter zurückbleibe.

 

2.       Sie wissen, dass Minister Seehofer plant, geflüchtete Menschen in großen Einrichtungen mit Belegungszahlen, die in die Hunderte wenn nicht in die Tausend gehen, zu internieren, um die Abschiebungszeiten zu verkürzen und eine Vermischung von Einheimischen und fremden Menschen zu verhindern.
„Einlull“- und Beschwichtigungspropheten könnten sagen: „Prima und noch so ein schöner Name ist dafür gefunden, „Ankerzentrum“ das klingt nach „sicherem Hafen“ und Verlässlichkeit.“
In Jeremias Tradition müsste man wohl sagen:

Ihr wisst aber, dass Gott den Umgang mit Fremdlingen und Geflüchteten zum Indikator für die Aufrichtigkeit der Gottesbeziehung gemacht hat?

Nie vergisst er, daran zu erinnern, dass die Erfahrung des Fremdseins und des nirgends Daheimseins zu den Menschheitserinnerungen gehört, die weitherzig und solidarisch machen sollen.

Nie vergisst Gott, einzuschärfen, dass der Umgang mit Entrechteten, mit Waisen, Witwen und Flüchtlingen darüber entscheidet, wie aufrichtig unser Glauben ist.

Und glasklar ist seine Anweisung: Ihr sollt sie nicht bedrücken!

Und das heißt, wir müssten in Jeremias Tradition laut werden als Kirche und sagen: „Ankerzentren, ohne Kontaktmöglichkeiten für Anwälte, Betreuer, Paten, ohne Einbindung in Gemeinschaftsstrukturen, ohne Übertragung von Verantwortung, ohne Achtung und Trost , gehen gar nicht! Dürfen in unserem Land nicht sein!“

 

In der Tradition Jeremias müssten wir immer wieder fragen:

„was maßt Ihr Euch eigentlich an, Ihr , die Ihr in sicheren Gegenden geboren und aufgewachsen seid, Ihr, die Ihr in gemäßigten Klimazonen zu Hause seid, ohne Erdbeben, Tsunami und Vulkanausbruch, ohne Wüste und mit sicheren Küsten, Ihr, die Ihr weder Hunger noch Durst, noch Dürre oder Landverslust zu befürchten habt, wie könnt Ihr auch nur eine Sekunde glauben, dieser Platz stünde Euch zu, der sei Euer Besitzstand, Ihr bräuchtet mit niemandem zu teilen?“

„Was maßt Ihr Euch eigentlich an, Ihr, die Ihr zu den Ausbeuterländern und zu den Verschmutzerländern gehört, Ihr, die Ihr täglich Fluchtursachen produziert, wie doppelt unrecht tut Ihr denen, die ausgeplündert und bedrängt nach Gerechtigkeit und Auskommen suchen, wenn Ihr vor denen Eure Türen verschließt?“

„Was maßt Ihr Euch an, Ihr, die Ihr in einer Region lebt, die vom Waffenhandel lebt, der dafür sorgt, dass Kriege überhaupt geführt werden können, was maßt Ihr Euch an, wenn Ihr Eure Grenzen dicht macht gegen die, die vor diesen Gewehren davon laufen?“

 

In Jeremias Tradition müsste man dauernd gegen alle selbstsüchtige Abschottung wettern.

Und in Jeremias Tradition wird mir das Herz schwer bei aller Verstocktheit ringsum und wegen der Trägheit und Resignation, die auch mich lähmt.

 

Wo lässt uns dieser Jeremia-Text also nun stehen?

 

Unser Kantor hat diese Frage auf seine Weise beantwortet, das werden wir gleich hören:

Zwei Lieder hat er miteinander verknüpft.

Das erste ist die „Erbarme Dich“-Arie aus der Matthäus-Passion. Die ist das kummervolle Eingeständnis, in der Nachfolge total versagt zu haben, Auftrag und Liebe verraten zu haben, aus lauter Angst und Mutlosigkeit. Und diese Arie ist die innige Bitte, Gott möge die Reue und die Tränen darüber sehen und sich erbarmen.

Das andere Lied ist unser Gesangbuchlied „Jesu, meine Freude“, das von der festen Entschlossenheit singt, auch in Sturm und Toben der Welt fest zu stehen und zu singen, eitlen Ehren und allen möglichen Verlockungen abzusagen, und auf Gott und auf die Treue Jesu zu vertrauen.

Diese ineinander verschlungene Musik lässt uns hoffen, dass sich auch bei uns Versagen und mutige Entschlossenheit immer wieder ineinander so verschlingen, dass wir bei der treuen Nachfolge herauskommen.

Amen

Weihnachtspredigt 2016 im Kantatengottesdienst zur Kantate „In dulci jubilo“ von Georg Philipp Telemann

Lesen Sie hier die Predigt von Pfarrerin Brigitte Güntter - gehalten in der Stadtkirche